verlust
verlust

schon seit wochen wußte ich es

du sahst mir in die augen und wußtest es auch

ich hatte keine ahnung, wie ich es dir sagen sollte

aber eigentlich wolltest du keine erklärung

 

in deinen klugen augen

stand das wissen,

daß das ende

immer näher kam

 

du hattest wohl keine schmerzen

warst nur verwundert

über deine schwere

die steigende unbeholfenheit

 

du hattest dich arrangiert

nie geklagt

freutest dich immer

 wenn ich dich besuchte

 

heute war es dann soweit

ich nam dich aus dem käfig

trug dich zum auto

für die letzte reise

 

zum ersten mal wolltest du kein leckerli aus meiner hand

 

roch die transportkiste noch nach deiner schwester?

roch sie nach angst?

nach tod?

 

gelassen wie immer hocktest du neben mir

mir fehlten die worte

obwohl ich dir noch so viel sagen wollte

ich hab dir etwas vorgesungen

 

beim tierarzt ließen dich die anderen tiere kalt

ich kraulte dich

du hast dich geputzt

die sägespäne in der kiste umgeschichtet

 

du wußtest nicht was kommt

ich schon

 

so ruhig wie du warst

 so habe ich innerlich gezittert

versucht die tränen nicht schon im wartezimmer fließen zu lassen

 

dann im behandlungsraum

trug ich deine kiste hin und her

wartete

las die poster über tierkrankheiten an der wand

las die notfallanleitung für erste hilfe

wartete auf die letzte hilfe für dich

 

hielt dich fest, als du die einschlafspritze bekamst

dein schrei tat mir so weh in den ohren

du hast nie gebissen,

heute versuchtest du, die tierärtzin zu erwischen

 

dann waren wir allein

haben gewartet, daß das schlafmittel wirkt

hab dich gestreichelt

geweint

konnte nicht sprechen

nur flüstern

 

von meiner trauer

meiner liebe zu dir

 

du warst erstaunt

wolltest herumlaufen

wurdest müde

hast dich hingelegt

 

ich habe deine ohren gekrault

deine zitternden flanken gestreichelt

deinen rasenden puls gespürt

 

konnte nur immer wieder flüstern:

bald ist es vorbei

bald hast du es geschafft

vor dem fenster  - eine große grüne wiese mit löwenzahn

 

schließlich warst du betäubt

soweit das mit dem großen tumor in deinem körper noch möglich war

 

das angebot der ärztin

ich solle hinausgehen,

wenn sie dir die letzte spritze gibt

habe ich abgelehnt

 

ich sah dich in ihrer hand zappeln,

hörte deinen letzten schrei

habe mich zur wand gedreht

ein poster angestarrt

 

dann warst du fort

nur dein kleiner körper lag da

mit großen erstaunten augen

schlaff und noch warm

 

ich deckte dich zu

ging

und bezahlte deinen tod

 

im garten habe ich dich nochmal betrachet

du sahst so friedlich aus

 

dein sarg war ein großes blaues papiertuch

der schmuck gelber löwenzahn und geflochtenes gras

 

wir haben ein grab ausgehoben

neben all den anderen

die vor dir gegangen sind

 

erde rieselte auf dich

bald bist du nicht mehr da

konnte nicht weinen

das kommt immer erst später

 

der kreis schließt sich

ich hielt dich in der hand, als du gerade geboren warst

ich hielt dich in der hand, als ich dich ins grab legte

 

leb wohl

kleine ratte

 

[verlust]