internat
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vor zwei jahren saß ich das erste mal hier am schreibtisch

sah aus dem fenster

das erste grün zeigte sich auf dem kleinen feld neben der tennishalle,

nackte äste gaben den blick auf einen trüben bach frei

gegenüber am hang viele häuser

eng beieinander

weiß gestrichen

die dächer ziegelrot oder dunkelbraun

davor die eisenbahnlinie

einblick in das fenster der internatsküche

 

vor zwei jahren war ich voller erwartung an mein leben hier

aber auch voll angst vor den anforderungen

ich war wütend und traurig,

weil ich die gerade gefestigte beziehung - die frisch bezogene wohnung

jetzt nur an den wochenenden und in den ferien sehen würde

 

ich hatte glück - sagte man mir

ich bekam ein einzelzimmer

 

zwei jahre ausbildung

zwei jahre arbeiten, essen, freizeit in gemeinschaft

man lernt sie kennen, die kollegen

doch sind sie immer noch jeden tag neu

 

ausbildung, zähneklappern, prüfung

wieder zähneklappern

warten auf das ergebnis

 

voller optimismus das zimmer ausgeräumt

(damit es schneller geht am letzten tag)

kann ich nach hause?

muß ich bleiben?

 

dann die erlösung

 

neue gedanken

an ein leben nur zu hause

kein pendeln mehr zwischen zwei leben

die suche nach einem job

 

welche dinge habe ich mir hier angewöhnt?

soll ich sie hierlassen?

diese zeit streift man nicht einfach ab wie eine alte jacke

 

nach zwei jahren sitze ich das letzte mal hier

die aussicht ist immer noch die gleiche

wieder zeigt sich das kleine feld in zartem grün

zweimal habe ich auf ihm die jahreszeiten wechseln gesehen

und der bach ist immer noch schmutzig und trübe

ich weiß jetzt, daß er nidda heißt

 

nichts hat sich verändert

alles ist so geblieben, wie es war

 

fast alles,

ich bin es nicht

 

[internat]